Musik – Zeitzeugen - und Digitalisierung

Erstaunt und leicht entsetzt sahen und hören wir im Fernsehen, am Montag , den 23.4. in der Sendung Hart aber  fair, die Präsentation  der bundesrepublikanischen Beauftragten für Digitalisierung. Alle Zukunftsängste, die einen nach der Lektüre von offiziellen Verlautbarungen, im Sinne von es kommt ganz schlimm, wenn ihr nicht brav seid bis zu wissenschaftlichen Prognosen, mindestens  50 % der Arbeitsplätze werden wegfallen wurden wach, obwohl wir aus der Erfahrung der letzten Jahren eigentlich wissen müssen, dass solche Voraussagen sehr oft nicht stimmen und man ihnen eigentlich nur mit guter Aufklärung und  umfassender  Information begegnen kann,.

Aber hier sah und hörte man mit einer Bundesbeauftragten, gleichzeitig einer Konservativen von altem Schrott und Korn, nein leider nicht, denn wie oft haben schon konservative Gemüter die Entwicklung eingeleitet und entwickelt, hier  herrschte eine Ablehnung jeder Änderung.

Dass man vieles aus den Umbrüchen der 68er ablehnt  - denn das Erbe der 68 war das Thema - ist verständlich und wird heute von den Kindern oder Enkeln jener Bewegung geteilt. wie auch an diesem Abend  deutlich wurde. Aber es zeigte sich auch, wie gefährlich reine Beharrung ist. Sie ist meistens mit abrupten Ausbrüchen verbunden. Man hat heute vergessen, dass auch der viel gescholtene Zuckerberg nicht facebook erfunden hat, damit man unsere Daten stiehlt, sondern als ein geniales System zur Vernetzung seiner Freunde aus der Universität  In dieser Welt, die die 68 so eruptiv verlassen haben, hätte Zuckerberg nicht einmal die Garage (oder den Keller ) seiner Eltern zur Verfügung gestanden.

Zeitzeugen, wie wir sie aus sehr oft entlegenen Quellen zusammen suchen, zeichnen sich dadurch aus, dass ein Ziel im Leben verfolgt wird, dass mit der herrschenden Meinung oft nicht übereinstimmt. Nehmen wir Freud, der heute noch in Russland zu den verbotenen Wissenschaftlern gehört oder Spiecker, dessen Warnung vor 100 Jahren vor einem geknechteten Kontinent niemand hören wollte, mit den Folgen kämpfen wir heute, oder Manfred  Reichert, der schon vor Jahrzehnten Wege zur Integration der Neuen Musik in unserer Musikwelt wies, oder das Buch von Helga Schwarz über das Deutsche Bibliotheksinstitut im Spannungsfeld zwischen Auftrag und politischem Interesse ein erschütterndes Bild zerstörter Lebenszeit durch unnütze Bürokratie…

Zeitzeugen geben unserem Leben Impulse für den Fluss der Zeit. Wir können sie nur wahrnehmen, wenn wir uns umsehen und umhören. Es ist jetzt besonders nötig, aber unsere Digitalvertreterin scheint eher in einen Kokon aus Sehnsucht nach vergangenen Zeiten gefangen.

Warum nun Musik? Eine Fahrt mit der S- der U-Bahn in Berlin ist eine Fahrt ins  Zombiland. Alles ist ganz still - keiner lacht, keiner spricht und keiner achtet auf den anderen. Lauter mit ihrem Handy verwachsene Zombies. Haben Sie schon mit diesen freundlichen Vertretern zu tun gehabt? Zuhören war gestern eine Eigenschaft, die im Strudel der Ereignisse verschwindet. Digitalisierung, die entgegen allen Erwartungen in erster Linie auf Netzwerke und zwar humane beruht, endet mit solchen Gliedern immer im Chaos. Deshalb sollte die Vorbereitung des Digitalen Zeitalters mit Musik beginnen, ein Instrument, wenn  es nicht zur Verfügung steht, gemeinsam singen geht auch, aber auf den anderen hören ist Voraussetzung. Eine Teilnahme an solcher Musik sei der Bundesbeauftragten für Digitalisierung dringend empfohlen. Eigentlich müsste sie als treue Vertreterin einer konservativen Erziehung das besonders freuen.  (Sm)