Musik im Sommerwind – Wegungen – Festival für aktuelle Musik

26. Rand(fest)spiele in Zepernick

Wir grübelten, warum man wohl den Namen Randfestspiele wählte. Weil Zepernick am Rande der Metropole Berlin liegt?  Das  wurde diesen Sonntag bemerkbar, als der Schienenersatzverkehr das Ziel, die St. Annenkirche in Zepernick,  erst nach fast zwei Stunden erreicht werden konnte. Randspiele,  Neue Musik,  könnten aber Thema dieses Festivals sein. Sie hatte noch nie einen leichten Stand und wird zunehmend an den Rand gedrängt. Selbst im von allen Anbietern des überregional besuchten Musikwirtschaftsgipfel  vom Berliner Tagesspiegel hatte die Neue Musik  keine Stimme. 

Desto mehr ist dieses Festival zu begrüßen, das schon auf einer langen Tradition beruht. Es ist verständlich, aber nicht dies allein macht diesen Spielort so wunderschön . Die alte Dorfkirche in Abwechslung mit dem hellen und freundlichen Gemeindesaal , Bänke auf dem Hof zum Unterhalten, eine alte Eingangstür, die Erinnerungen weckt und eine freundliches und nettes Catering mit wirklich zivilen Preisen für die Musiker und ihre Begleitung, die ja in der Regel nicht sehr reich mit finanziellen Gütern gesegnet sind.

Das Programm war reich mit drei Konzerten; 15.00 Uhr Lokale Figuren, Tänze 17.00 Uhr  abgesteckte Gelände, 19.00 Uhr Abschlusskonzert Kopf unter, was leider fast wörtlich stimmte, denn die Zuhörer, geduldig und aufmerksam, verloren fast  nie den Kopf angesichts der tropischen Temperaturen.

Ein reiches Programm mit allen Facetten und Ebenen: Manches großartig, manches fremd, manches in seinem Anspruch frech.

Die Neue Musik hat es schwer und sie verliert leider zunehmend Rückhalt auch bei einem an  Musik interessierten Publikum, obwohl  steigende Langeweile durch die sich wiederholenden Angebote eigentlich dagegen sprechen. Aber laden sie Menschen- keine Musiker !! – zu einem Konzert mit Neuer  Musik ein, die meisten werden abwinken. Die Forderung nach Atonalität und die oft falsch verstandene Nachfolge von Boulez und anderen Ikonen der Moderne haben die Neue Musik in eine Art Korsett gesteckt, die die Zuhörer so nicht akzeptieren wollen. In Zepernick waren in erster Linie Fachleute, Komponisten ,ihre Begleiter und Künstler die Zuhörer .

Beim Plausch im Garten einigte man sich trotzdem überraschend auf die Komponisten, die am besten gefielen: Peter Helmut Lang mit dem Graffito und Anna Husskonen  mit Artificiel par nature . Das war nicht erstaunlich, hatte der Verlag Simon-BW. Hören und Lernen ähnliche Erfahrungen gemacht. Den größten Erfolg bei einem wirklich sehr unterschiedlichen Publikum gelang v. Dadelsen mit seinem Violinkonzert  2014 im Puttensaal der Bibliothek am Luisenbad. Es ist ein Jammer, dass v. Dadelsen nicht zu weiteren Konzerten überredet werden konnte. Ein vergleichbarer Publikumserfolg  gelang dem Trio aus Österreich mit seinem Leiter Präsens in der Galerie des Kulturhauses der Feuerwache beim Festival Oaarwurm  2  vor zwei Jahren. Das Publikum war begeistert und drückte dies in einer Weise aus, wie es selten bei Konzerten der Neuen Musik geschieht. Daher wurde man bei Max Keller 5. Streichquartett etwas nachdenklich, weil sein so musikantisches autonomia e dialogo das Publikum der Leipziger Buchmesse  1916 sehr gefangen genommen hatte.

Das Festival bot eine weitausholende Reihe von sehr unterschiedlicher Musik. Drei Phantasien nach R.M. Rilke beeindruckten, nur hätte man gern  einige Worte verstanden, so blieb der Eindruckschwächer als vorgesehen. Walter Zimmermann 20 Figurentänze ließen den einfachen Zuhörer  etwas irritiert zurück. Die wenig nachvollziehbaren Erklärungen konnten nicht mit dem Gehörten  in Einklang gebracht werden. Dem Klaviersolo von Susanne Stelzenbach hätte ein Besuch des Klavierkonzertes von Jonas Olsson im Sendesaal von Bremen vom 9. Juni dieses Jahre gut getan. Junge Künstler sollten sich nicht von der Geschichte und Tradition überrollen lassen, aber sie sollten sie zur Kenntnis nehmen und daran arbeiten. Dem großem Wunsch nach Präsentation und Aufführung wird notwendige Reife und künstlerische Arbeit manchmal geopfert.

Auch Verlage waren wieder vertreten, wenn sich auch im allgemeinen das Publikum nicht so sehr dafür interessiert. Man muss sich Augen halten, dass das kulturelle Erbe in der Zukunft nicht gesichert ist, so dass  die Arbeit der Verlage vielleicht die einzige Quelle bleibt, die einen Eindruck von dem Musikleben unserer Zeit vermittel. Der Simon-BW Verlag hätte gern daran teilgenommen und seine farbigen Umschläge hätten etwas Farbe und Freude in die Ausstellung gebracht.  Aber sie sind Anlass genug, miteinander ins Gespräch zu kommen, wozu dieser Sonntag mit seiner Umgebung und seinem Publikum Gelegenheit bot. Gerade Neue Musik lebt davon und ist auf diesen Austausch mehr angewiesen. Diesem Anspruch haben die Randspiele mehr als genug erfüllt. Für  weitere Gespräche bietet sich das Festival Oaarwurm 4 an www.simon-bw.de am 24.8 mit dem R.T. aber auch während des ganzen Festivals an drei verschiedenen Orten.

 

ES.