Warum ich dieses Jahr die Donaueschinger Musiktage nicht besuchen werde.

Als ich 2018  die Donaueschinger Musiktage besuchte, war sich als Vertreterin einer Generation, deren ersten Lebensjahre von Hunger und Kälte nicht überschattet sondern bedroht waren, von der Gründungsgeschichte dieses Festivals fasziniert. Ein Gönner gewährt Musikern der Neuen Musik, die damals nicht nur völlig mittellos sondern auch ohne jede Beachtung waren Unterkunft, Nahrung und einen Platz zum Arbeiten. Das war unglaublich, in einer Zeit, in der die nächste Mahlzeit den größten Stellenwert hatte.

 

Dieses Tat trug wunderbar Früchte, denn die Donaueschinger Musiktage wuchsen zu einem Festival für Neue Musik und boten so eine Plattform für Neue und Moderne Musik, die sich trotz der zeitweise staatlich  verordneten Aufführungen moderner Opern, wie in Hamburg, nicht in die Herzen des Publikums spielen konnte. Dies hat sich bis heute nicht verändert, wenn auch unter anderen - dem so politisch korrekten Genderblick betrachtet - der Berliner Tagesspiegel vom 21.7. berichtet, dass Carmen immer noch zu dem häufigst gespielten Opern gehört, zeitgenössische Opern werden in dieser Jahresstatistik nicht einmal erwähnt. Hinzufügen ist, dass auch in Berlin mit seinem reichen Musikprogramm zunehmend  Präsentation für  Neue oder Moderne Musik aufgeweicht werden. Auch Liebhaber des Jazz  möchten Konzerte mit Modernere Musik hören. Deren Entwicklung oder Nichtentwicklung kann selten gehört werden, zumindest nicht in den Konzerthäusern, wenn es nicht das  BKA gäbe nicht immer spannend und manchmal richtig scheußlich. Aber noch gibt es den Spielort und möge er uns nur erhalten bleiben.

 

Aber nun die Donaueschinger Musiktage 2019. Schon 2018 enttäuschte. Ich hatte nicht damit gerechnet, unsere Musikbücher und Noten – alles Neue Musik – zu verkaufen, aber ich hatte auf Kommunikation gehofft. Auf Künstler und Kollegen auf Musikinteressierte und Freunde. Aber es war leer und blieb so bis zum Ende und nicht nur bei mir. Das erstaunte mich nicht, als Benjamin unter den Musikverlegern musste ich bei einem so traditionsbewussten Publikum damit rechnen. Aber die verlassene Lobby zwischen den Konzerten, die mangelnden Besucher auch der anderen Aussteller zeigte deutlich, das von mir gewünschte Interesse zeigte sich nicht. Das müssen auch die Macher von 2019 gespürt haben und organisieren ein Programm das für Neue Musik - außer einigen Konzerten - keine Raum bietet. Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang den Preisträger der Gema Wolfgang Rihm zitieren, ich hoffe, das wirkt auch auf die Wahrnehmung dessen, wofür ich stehe, Musik als Kunst. (Virtuos 2/2019:44) Ein anderer Preisträger Arvo Pärt erinnert daran, dass er trotz Anerkennung durch das Publikum seine Heimat Estland wegen der Betonköpfe dort verlassen musste. Manfred Reichert Fremder Ort Heimat berichtet, wie er Pärt für seine Konzerte und damit für das deutsche Publikum gewann. Hätte ein gleicher, unbekannter Komponist heute diese Chance? Ich glaube nicht. Ohne eine Plattform für diese Kunst und durch die Neigung, zunehmend Wohlfühlmusik zu fördern und damit Mittel und Räume, der Neuen Musik zu entziehen, werden Neue Komponisten in Situationen getrieben, die ihnen die Luft, die Lust  und die Kreativität nehmen.

Musik wird immer unverzichtbarer...weil sie sich an den ganzen Menschen wendet und der wachsenden Spaltung von Geist, Seele und Körper sowie einer Desintegration der Persönlichkeit entgegen wirkt, die durch die rasante Weiterentwicklung der Technologie noch weiter zunehmen wird, sagte H. Rauhe und R. Flender schon 1993 in Schlüssel zur Musik (Düsseldorf, Wien). Sie fragen wozu braucht der Mensch Musik? Dieses wird mit einem Ritt durch alle Formen und Arten beantwortet. Mit keinem Wort wird Klangkunst erwähnt – schon gar nicht für Zuhörer in Badehose. Dieses dachte auch ich, hinter  mir zu haben, als ich für Berichte des Berliner  Tagesspiegels vor über 30 Jahre bei abendlich geöffnetem Freibad ins Wasser ging. Ein Spass mehr nicht ! Wieder zu Hause erholte ich mich bei Musik.

Elisabeth Simon, Simon Verlag BW, www.simon-bw.de

Elisabeth Simon, Simon Verlag für Bibliothekswissen.